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1. S. Rudstein. Olga Okuneva

2. Aus dem Bildband 'Olga Okuneva. Malerei. Grafik', 2014:
- I.W. Buschuchina. Einführung
- A.M. Dubjanski. Die Welt Indiens mit den Augen Olga Okunevas

 
Olga Okuneva ist eine in Russland sehr bekannte Malerin, Grafikerin und Buchillu-stratorin. Sie ist seit 1990 Mitglied des Russischen Künstlerverbandes und seit 1998 'Verdiente Künstlerin der Russischen Föderation.' Ihre Arbeiten sind auf zahlreichen internationalen Einzel- und Gruppenausstel-lungen vertreten. Schon bei ihrem ersten Auftritt in der russischen Kunstszene Ende der 80er Jahre fielen Kritikern und Kunstlieb-habern die eigenständige Linienführung und das stark assoziative Denken der jungen Künstlerin auf. Ihr erster großer Radierzyklus 'Spaziergang im Park' wurde auf großen russischen Ausstellungen und in staatlichen Museen gezeigt und lieferte ein überzeugendes Beispiel für das Ausmaß ihrer Begabung. Der weitere künstlerische Werdegang Olga Okunevas vollzog sich ohne größeren Wechsel in Linienführung und Stil. Allein den Regungen ihres Herzens gehorchend, fand sie zu einem immer freieren künstlerischen Ausdruck.
 
Olga Okuneva, 'Three Portraits of a Woman', 2016, Öl auf Leinwand, 90 x 70 cm

Das von ihr bevorzugte druckgrafische Verfahren war stets die Radierung. Souverän beherrscht sie alle Möglichkeiten und Vorzüge dieser Technik. Die richtige Wahl der Faktur, die feine Zeichnung, die Ausdrucksstärke der schwarzen Flächen, die reich schattierten und satten Farbtöne und die 'ausgefransten' Konturen des Blattes sind für sie Mittel zum Ausdruck des schöpferischen Gedankens.

Olga Okuneva baut konsequent an ihrer subjektiven und symbolhaften Welt und vervollkommnet sie. In den Zyklen 'Geschichten rund ums Riesenrad' (1988) und 'Der Zirkus ist da' (1989) stellt sie ihre Spielregeln, ihr Theater mit Bühne, Vorhang und mehreren gedanklichen Ebenen vor. Der Platz des Zuschauers ist eigentlich auf den Sitzbänken – d.h. in einiger Entfernung – und doch wird er mit aller Macht in diese Welt hineingezogen, zur gedanklichen Verarbeitung und zum Miterleben des Geschehens animiert. Das scheinbar naive literarische Sujet dieser Blätter wächst sich unerwartet zum Gesellschaftsdrama aus. Okuneva scheut sich nicht, ausgetretene Pfade zu beschreiten: Der Zirkus war in der internationalen Kunst schon immer ein Thema, das dem Künstler erlaubte, sich offen zu äußern. Olga Okuneva ist überzeugt, dass es keine Wiederholung gibt, weil der Blick eines jeden Künstlers ein individueller ist.

Olga Okuneva baut die Komposition so auf, dass sich in den Käfigen nicht nur gequälte Tiere, sondern auch gequälte Menschen wiederfinden. Gibt es einen Ausweg aus dieser Gefangenschaft?
In den Radierungen 'Selbstportrait', 'Anna' und 'Blumen für Lena' (1990) trachten Okunevas Heldinnen den geschlossenen Raum zu sprengen. Hinter den steifen Posen und Gesten ihrer Gestalten verbirgt sich eine freie innere Dynamik, die eine starke emotionale Spannung erzeugt. Die Künstlerin bewegt sich an der Grenze zum Tragischen, doch die Schönheit und Harmonie des Blattes, seine feine Oberfläche, geschaffen durch die Kombination verschiedener Techniken und einer Vielfalt von Farbtönen, tragen einen positiven Ansatz in sich.
In den darauf folgenden Arbeiten, wie im autographischen Zyklus 'Wege und Brücken' (1992) und in den Farbradierungen 'Die Jahreszeiten' (1994), setzt Olga Okuneva immer feinere Stimmungsakzente, indem sie zu visuellen Metaphern, poetischen Analogien und Assoziationen greift. So gerät der Zyklus 'Die Jahreszeiten' zur Fortsetzung der Arbeit an den Illustrationen zum Erzählband 'Dunkle Alleen' von Iwan Bunin.

Das Fenster als Leitmotiv zieht sich durch viele Werke Okunevas. Einladend in den Garten geöffnete Fenster ('Der Traum') und mit Metallgittern versehene fest verschlossene Fenster ('Herbstportrait') bringen eine zusätzliche Note in ihre Arbeiten. Im Radierzyklus 'Blick aus dem Fenster' (1992) sehen wir Fragmente von Häusern, Straßen und ein sich wiederholendes einsames weibliches Profil in der Fensteröffnung. Die Künstlerin baut eifrig an ihrem Haus, einem 'Haus für die Seele', das sie aus einzelnen kuvertähnlichen Häuschen, zerrissenen Kettengliedern und Gittern zusammensetzt, die, Herbstblättern gleich, durch die Luft fliegen. Aus diesem grafischen Monolog, der sich aus der Seele der Künstlerin ergießt, spricht ein Gefühl der Einsamkeit und ungewissen Existenz.

Im Jahr 1993 erhielt Olga Okuneva den Auftrag zur Illustrierung des indischen Nationalepos Mahabharata. Nach intensiver Auseinandersetzung mit der indischen Kultur, dem indischen Kunstkanon, der Tempelarchitektur und -skulptur schuf sie 1994 eine Serie von Farbradierungen unter dem Titel 'Mahabharata'. Die Blätter dieser Serie gewannen eine neue künstlerische Qualität und wurden mit unzähligen und sorgsam ausgearbeiteten Details beladen, ohne dabei die Klarheit der Aussage, die spielerische Leichtigkeit und Dynamik einzubüßen. Der Strich veränderte sich leicht und wurde launischer und runder.
Es ist schwer zu glauben, dass 'Mahabharata' vor Okunevas erster Indienreise entstand. Ihre erste Personale in Indien fand auf Einladung des Museums Moderner Kunst 1996 in Bhopal statt und wurde vom indischen Publikum und der Kritik mit Begeisterung aufgenommen.

Die folgenden 10 Jahre lebte Okuneva abwechselnd in Europa und Indien. Indien hatte ihr Herz für immer erobert und erwiderte ihre Liebe. Neue Ausstellungen, Begegnungen, Freunde und die exotische Schönheit der indischen Natur begeisterten sie dermaßen, dass es ihr nicht mehr genügte, ihre Gefühle nur in der bildnerischen Kunst auszudrücken. Okuneva begann, Essays und Artikel für Zeitungen und Zeitschriften zu verfassen. Parallel dazu schuf sie Buntstiftzeichnungen als Begleitung zu den Texten. Diese sind nicht nur flüchtige Skizzen von touristischen Sehenswürdigkeiten, sondern von der Künstlerin erlebte und erfühlte Ecken Indiens. Es ist, als ob sie uns sagen wollte: 'hier bin ich gewesen und habe auf den Stufen des alten Tempels Rast gemacht, dieser Palmenhain hat mich mit seiner Frische liebkost, und dieser vertrocknete alte Baum hat meinen Blick gefangen.'

Der Baum war von Anfang an handelnde Person in vielen Arbeiten Okunevas. Just handelnde Person und nicht etwa Hintergrund oder zusätzliches Detail. Olga spürte gleichsam intuitiv die sakrale Bedeutung des Baumes und fühlte sich später bei der Lektüre altindischer und altgriechischer Literatur darin bestätigt. Als sie nach Indien kam, wo bis heute Bäume als heilig verehrt werden, wurde Okuneva zur Schaffung der beiden großen in Öl gemalten Zyklen 'Der heilige Hain' und 'Ummauerter Garten' inspiriert. Es ist ein ewiges und unerschöpfliches Thema: Der Baum des Lebens, der Baum der Erkenntnis oder der Baum als Symbol für die Erschaffung der Welt und die Harmonie des Menschen mit der Welt.

Die Ölbilder von Olga Okuneva sind ebenso poetisch und assoziativ wie ihre Grafiken. Die Künstlerin füllt den Raum ihrer Bilder mit symbolischen Figuren von Tieren, versetzt die Krippenszene in das verschneite Russland unter den traditionellen russischen Tannenbaum, lässt den Baum des Lebens weiß und malt eine sich im See spiegelnde Traumstadt in der Art eines indischen Stoffmusters …
Jede geheimnisvolle Metapher, raffinierte Faktur und zart auf die Leinwand aufgetragene durchscheinende Lasur vermittelt das Gefühl von fragiler Schönheit. Und das in organischer Verbindung mit der Energie pastöser Pinselstriche und einem kraftvollen kompositorischen Aufbau.

Seit einigen Jahren lebt und arbeitet Olga Okuneva in den Niederlanden, und zwar in Amsterdam. Das künstlerische Projekt, das die Gemälde der beiden genannten Zyklen und graphischen Blätter in verschiedenen Techniken vereint, wurde in Kunstgalerien von Amsterdam und Den Haag erfolgreich gezeigt.
Olga Okuneva ist bereits seit 25 Jahren in der Kunstszene vertreten. Bei der Durchsicht ihres Oeuvres findet sich keine Arbeit, in der allein der originelle Strich, der schön aufgetragene Pinselstrich oder die Verliebtheit in die Faktur im Vordergrund stehen. Jede ihrer Arbeiten ist erfüllt von ihrem Denken, ihren Gefühlen und den Nuancen ihrer Stimmung. Sie ziehen den Betrachter in den Bann, lassen ihn nicht gleichgültig und prägen sich ins Gedächtnis.

 

Svetlana Rudstein-Repnikova, Kunsthistorikerin
Seattle, USA Oktober 2009.

 

Die Übersetzung wurde im Rahmen der Lehrveranstaltung 'Fachübersetzung Kunst und Kultur' im WS 10/11 am Institut für Translationswissenschaft der Univ. Innsbruck unter Leitung von Mag. A.M. Platzgummer angefertigt.

 

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