back | cv | article | Artikel (auf Deutsch) | article in Russian | article in Dutch | publications | art book

 

 

Klicken Sie auf den Link um den Artikel ihrer Wahl zu lesen:

1. S. Rudstein. Olga Okuneva

2. Aus dem Bildband 'Olga Okuneva. Malerei. Grafik', 2014:
- I.W. Buschuchina. Einführung
- A.M. Dubjanski. Die Welt Indiens mit den Augen Olga Okunevas

 

Die Welt Indiens mit den Augen Olga Okunevas

Moskau, 2013

Ich denke, es war kein Zufall, dass meine Freundschaft mit Olga Okuneva ihren Anfang in Indien nahm: ich beschäftige mich beruflich mit diesem Land, und für sie ist Indien Teil ihres künstlerischen Schicksals geworden. Ich kann mich erinnern, wie ich die Künstlerin aus Orenburg vor vielen Jahren in Madras traf, wo sie ihre Arbeiten ausstellte. Gemeinsam unternahmen wir eine kurze Autoreise in eine kleine tamilische Stadt, in der ein bekannter Tempel des Hindu-Gottes Murugan auf einem hohen Felsen steht. Olga und ich brauchten lange, um die steinernen Stufen hinaufzuklettern, wurden aber mit prächtigen Ausblicken auf Reisfelder und Kokos- und Bananenplantagen belohnt. Olga saß damals unweit des Tempels die längste Zeit reglos auf einem Stein.

Später erzählte sie mir, wie Indien in ihr Leben getreten war und wie sie an den Illustrationen zum altindischen Epos Mahabharata arbeitete. Als ich die Radierungen zu Gesicht bekam, war ich von ihrer Ausdruckskraft überwältigt. Die Gestalten der Helden und Götter sowie die Kampfszenen vereinten in sich Treue zum Detail und Freiheit der Komposition, das Statuenhafte der indischen Kunst und die Dynamik des indischen Tanzes. Sie waren ungewöhnlich schön, plastisch und reich an asiatischer Ornamentik. Die Intuition der russischen Künstlerin hatte auf erstaunliche Weise das Wesen der indischen Kultur getroffen. Auch später, als ich Bekanntschaft machte mit vielen anderen Radierungen, Aquarellen und Zeichnungen von Olga, kam mir dieser Gedanke wieder und wieder in den Sinn. Mir wurde klar, dass Indien ihre schöpferische Energie irgendwie speist und ihr zu neuen Ideen verhilft. Kein Wunder, dass Reisen in dieses Land für Olga Okuneva unentbehrlich geworden sind. Ganz besonders hingezogen fühlt sie sich zum indischen Süden, zu den Landesteilen Tamil Nadu und Kerala mit ihrer unverwechselbaren Natur wie Kultur. Sie sagte mir einmal, dass ihre gerade in diesen Regionen gewonnenen Eindrücke ihren ursprünglichen Vorstellungen von Indien am nächsten kämen.

Als Olga die alttamilische Dichtkunst kennen lernte, begeisterte sie sich für die Idee, die wichtigste Besonderheit der tamilischen Liebeslyrik – typische Themen, die verschiedene Situationen in den Beziehungen der Liebenden mit Landschaftstypen verknüpfen, darzustellen. So spielen sich beispielsweise ihre ersten Rendezvous in bewaldeten Bergen, Ehezerwürfnisse vor dem Hintergrund von Reisfeldern, der Trennungsschmerz am Meeresufer ab usw. Olga dachte dabei keineswegs an eine bloße Illustrierung von Gedichten. Der Zyklus von Collagen, inspiriert von der tamilischen Dichtung, ist ihre ureigene Reaktion darauf. Interessant ist, dass sich die von der Künstlerin handgeschriebenen Gedichttexte harmonisch in das Bildgeflecht einfügen. Es ist ihr zweifellos gelungen, die poetische Stimmung eines jeden der von ihr gewählten Gedichte einzufangen.

Damit begann vielleicht auch ihr Interesse an indischen Pflanzen, besonders Bäumen. Als sie aus der Dichtung oder möglicherweise auch aus unseren Gesprächen erfuhr, dass es im Altertum im Süden besondere heilige Bäume und Haine gab (und bis heute gibt), die die Lebenskraft eines Gottes oder Herrschers bewahrten, hatte Olga die Idee, diese darzustellen und ihre sakrale Bedeutung für die Inder wiederzugeben. Doch wie so oft in ihrer Kunst erfuhr die Idee eine weitere Entwicklung und das Thema Baum nahm eine viel größere Dimension an. Die Künstlerin wurde angezogen von Baum-Mythen und Baum-Symbolen - Baum des Lebens, Baum der Erkenntnis, Weihnachtsbaum -, die im mythologischen Weltbild eines jeden Volkes von so großer Bedeutung sind. So führte sie das Erlebnis Indien hinaus in die Weiten der Weltkultur.

Ich bin überzeugt, dass durch Olgas Anliegen, das Wesen der Dinge mit den einem Künstler zur Verfügung stehenden Mitteln zu ergründen, ein Zusammenhang hergestellt wird zwischen ihren Arbeiten und der indischen Weltsicht und den Grundlagen der Kultur dieses Landes. So sticht als eines der auffälligsten Merkmale ihres künstlerischen Stils die Vorliebe für Collagen hervor. Bereits in ihren frühen Arbeiten (und hier meine ich nicht nur die indische Thematik) sieht die Welt in ihrer künstlerischen Vorstellung aus wie die Summe aus mehreren Fragmenten, Details, verschiedenen Ebenen und Winkeln. Dieses ganze Kaleidoskop wird aber immer von einer Idee, einem Thema oder einer Stimmung zusammengehalten. Ein solches Weltbild entspricht durchaus der für das indische Denken typischen Vorstellung von der Einheit und Ganzheit der Welt, was sich insbesondere im berühmten indischen Prinzip von der Einheit in der Vielfalt ausdrückt.

Es kommt einem in den Sinn beim Anblick der Basreliefs des Stupas in Sanchi oder der Fresken von Adjanta, der Kampfszenen auf den Tempeln von Belur und Halebidu oder auch der Volkskunst von Odischa. Die Welt präsentiert sich dort in einer Vielzahl ihrer Erscheinungen und gleichzeitig als etwas Ganzes, Unerschütterliches und Ewiges. Mir scheint, dass dies in allen Arbeiten von Olga Okuneva zum Vorschein kommt, insbesondere in ihrem Zyklus von Buntstiftzeichnungen, wo sie das Erscheinungsbild des Landes in kurzen Momenten seines Seins festhält. In jeder Zeichnung ist es anders – bald geheimnisvoll und sogar mystisch, bald lyrisch und nachdenklich, bald fröhlich und bunt.
An dieses ewige Indien gemahnen mich stets die weisen und traurigen Augen der weißen Tigerin, die in Olgas bezaubernder Farbradierung durch den Dschungel schleicht.

 

A.M. Dubjanski

Dozent am Institut für Indische Philologie an der Fakultät für die Länder Asiens und Afrikas der Staatlichen Lomonossow-Universität Moskau, Dr. phil. promov.

 

Die Übersetzung wurde im Rahmen des Master-Kurses 'Fachübersetzung Kunst und Kultur' im WS 2014/15 am Institut für Translationswissenschaft der Univ. Innsbruck unter Leitung von Mag. A.M. Platzgummer angefertigt. Teilnehmerinnen: Nataliya Bolshakova, Magdalena Hackl, Evgeniya Ignatova und Alexandra Mitterer.

 

Klicken Sie hier um den Artikel als PDF zu lesen.